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sozialpädagogik und selbstorganisation

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Technische Universität Berlin (Fachbereich 22)

Diplomarbeit
Sozialpädagogik und Selbstorganisation
in der Jugendarbeit am Beispiel der Entwicklung des SSB e.V.
("Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Berlin e.V.)

vorgelegt von
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Karl Hartmut Dieter
xxx
74 Tübingen

Erstgutachter: Professor Hellmut Lessing
Zweitgutachter: Professor Werner Siebel

Winter-Semester 1980/81



(seiten 17-21)

Erste Entwicklung des SSB -
Vom Handdrugstore zum Thomas Weisbecker-Haus

1971 entstand im Bezirk Schöneberg eine ohne Konsumzwang aber kommerziell geführte Kneipe "handdrugstore".
Das Stammpublikum setzte sich zusammen aus: Studenten, Schülern und Trebegängern. Die Anwesenheit der Treber erklärte sich aus der einfachen Tatsache, daß nicht konsumiert werden mußte, einzelne Veranstaltungen ihre Probleme zum Inhalt hatten, und sie sich auf die Bänke legen und schlafen konnten, ohne daß jemand etwas gesagt hatte.
Als der handdrugstore im Januar 72 wegen finanzieller Schwierigkeiten aufgegeben wurde, machte sich ein Teil der Mitarbeiter auf die Suche nach einer Alternative: Als Voraussetzung für einen neuen Anfang wurde eine Vereinssatzung und ein Konzept ausgearbeitet und der neue Verein konstituierte sich am 29.2.72 als "Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Berlin e.V." (SSB).
Es wurden dabei vor allem Erfahrungen verwendet, die man bei einem Besuch des "Sozialpädagogische Sondermaßnahmen Köln e.V. (SSK) gemacht hatte. 26 Ein Teil der Vereinsgründer verfügte auch über Erfahrungen in der Heimkampagne. Beide Momente prägten am Anfang die Konzeption, die überwiegend sozialpädagogisch ausgerichtet war und als Hauptziel im zukünftigen Jugendzentrum die Hilfeleistung für
- "Jugendliche aus dem Randgruppen- und Lehrlingsbereich",
- "Schüler und arbeitslose Jugendliche", und
- "jugendliche Trebegänger" sah.
Diese Zielgruppe geht jedenfalls aus der Satzung hervor -
also berufs- und arbeitslose Jugendliche und Trebegänger
aber auch Schüler und Lehrlinge sollten mit der Vereinsarbeit angesprochen werden. Von Anfang an war im SSB also nicht ausschließlich 'Treberarbeit' konzipiert.

26) Der SSK e.V. hatte in Köln inzwischen schon eine Phase politisch wirksamer Arbeit mit Fürsorgezöglingen und obdachlosen Jugendlichen hinter sich. Die erste Dokumentation seiner Arbeit war mit dem Buch "Ausschuß" bereits erschienen (1970). vgl. Ausschuß '70, a.a.0.

An der Vereinsarbeit beteiligt werden sollten außerdem noch "Personen.. die auf ihrer Ausbildung oder Erfahrung mit den Problemen und der sozialen Situation der Zielgruppen des Vereins vertraut sind." 27
Bald gab es über 50 aktive Mitglieder im SSB: Je ein Drittel Schüler und Studenten; Praktikanten(Erzieher, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen); und Jugendliche - vor allem Trebegänger.
Die ursprüngliche Absicht, finanziell unabhängig zu arbeiten, wurde aufgegeben, um keine billige Sozialarbeit zu machen, sondern den Etat für Jugendarbeit auszunützen. Ende Mai 72 konnte dann ein relativ günstiger Vertrag mit dem Bezirksamt Schöneberg über ein leerstehendes Jugendfreizeitheim im Bezirk ausgehandelt werden. Am 15. Sept. 72 wurde dann das selbstverwaltete Jugendzentrum 'Drugstore' in der Potsdamerstraße vom Verein eröffnet:
Teestube, Sportraum, Büro, Küche, Hauptraum - insgesamt 450 m² stehen zur Verfügung. Der ersten Arbeit des Vereins im Drugstore lag ein Vier-Phasen-Modell zugrunde, das noch ganz deutlich sozialpädagogische Züge hatte und sich im wesentlichen auch durch die weitere Arbeit des Vereins wie ein roter Faden zog (vgl. auch §3 der Satzung über Ziel und Zweck des Vereins):
Ebene a) bestimmte den Drugstore als Kontakt-und Anlaufstelle,
Ebene b) sah eine Einzelfallvermittlung und Beratung vor (Quartiervermittlung, Rechtsberatung, finanzielle Unterstützung, Jobvermittlung etc.)
Ebene c) betraf den Aufbau von Wohngemeinschaften und Gruppen:
"Der Verein versucht Wohnungen und Wohngelegenheiten anzumieten, die er bei Bedarf an Trebegänger, obdachlose Jugendliche u.ä. weiter vermittelt...
Ebene d)"..der Verein..systematisiert die Lage der Jugend-und Randgruppen in Berlin, entwickelt Vorstellungen von Ursachen und Abhilfen und geht damit an die Öffentlichkeit."
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27) vgl. §3 und §4 der Satzung des SSB vom 29.2.72.
An dieser Stelle möchte ich auf die 'vitale Bedeutung' des Begriffs Selbstorganisation verweisen, die inzwischen ein Lebenszusammenhang von unterschiedlichen Personen und Gruppen bedeutet, der nicht mehr in bestehende amtliche oder akademische Kategorien passt. Z.B. leben und arbeiten inzwischen im SSB Trebegänger, Arbeiterjugendliche, ehemalige Studenten und Hochschulabsolventen zusammen. Eine 'unnatürliche Trennung' in bestimmte Alters -und "Problemgruppen" wird abgelehnt. Ich rede deshalb im Folgenden...

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Kurz nach der Eröffnung bildeten sich im Drugstore verschiedene Arbeitsgruppen für die inhaltliche Arbeit im Jugendzentrum. Es entstanden eine Knastgruppe, eine Wohngruppe und ein Workshop. Das Hauptproblem der Treber war aber eine Wohnung und Geld zum Leben zu bekommen, deshalb war nach kurzer Zeit die Wohngruppe im Drugstore die stärkste. In der Wohngruppe entwickelte sich der Anspruch nach Selbstorganisation, der in Gegensatz zum oben genannten sozialpädagogischen Konzept des SSB geriet. In der Kurzdokumentation des Thomas Weisbecker-Haus von damals heißt es dazu: 28
" in der Diskussion versuchten wir noch einmal,
die Vorrangigkeit des Wohnproblems zu begründen und gleichzeitig klarzumachen, daß unsere Forderungen auch nach außen politisch vertreten werden müßte. Denn wir wollten nicht unter dem Mantel eines pädagogischen Projekts ein Haus für die Jugendlichen erkämpfen, sondern
wir wollten mit ihnen zusammen eine Selbstorganisation aufbauen. Und die kann nicht erst anfangen, wenn man im Haus drin ist. Gerade der Kampf darum ist die erste wesentliche politische Erfahrung..."
In dieser Formulierung" mit ihnen zusammen" klingt schon das eigene Selbstorganisationskonzept des SSB an, das sich in diesem Punkt prinzipell vom Georg Rauch-Haus unterscheidet. Nach einigen Diskussionen im Verein wurde das Wohnproblem der Treber schließlich praktisch angegangen:
"..wir versuchten auf dem freien Wohnungsmarkt Wohnungen und vielleicht auch ein Haus zu finden. Aber wenn wir was fanden, konnten wir die Miete nicht bezahlen. Trotzdem machten wir weiter, weil wir überzeugt waren, daß das Wohnproblem für die Treber zuerst gelöst werden mußte, ehe wir mit ihnen ein Freizeitkonzept erstellen konnten... Eines Tages bekamen wir den Tip, daß in der Wilhelmstraße in Kreuzberg ein leeres Haus stand. Uns erschien für die Wohngruppe mit Trebern Kreuzberg ein geeignetes Viertel zu sein, weil die meisten unter ähnlichen Bedingungen wie die Leute dort aufgewachsen waren, und deshalb die Gefahr, sich in einem 'Freiraum' zu isolieren, weniger gegeben war als in anderen Vierteln... 29"
Der SSB stellte einen Antrag beim Senator für Familie, Jugend und Sport. Dabei stand er in Konkurrenz zu anderen Initiativgruppen im sozialen Bereich (Drogen-Info, Heimerzieherfortbildung), mit denen aber eine Solidaritätsabsprache getroffen wurde. Hausbesitzer war das Grundstücksamt Kreuzberg. Kreuzberg wollte aber mit dem SSB nichts zu tun haben: ' ein zweites Rauch-Haus würde die Struktur im Bezirk zu sehr verändern ', war eine inoffizielle Meinung aus dem Bezirksamt.
Kreuzberg schaltete deshalb den "Berliner Jugendclub e.V." (BJC) als Zwischenträger ein.. Mit dem BJC machte das Grundstücksamt einen Mietvertrag mit genauer Anweisung, an welche Gruppen er untervermieten durfte und an welche nicht (BJC verstand sich selbst dabei "als Puffer nach beiden Seiten"). Nach der ersten ergebnislos verlaufenen Verhandlungen mit der Senatsverwaltung und zwei gescheiterten Besetzungsversuchen erkannten die Jugendlichen im SSB, daß es nicht mehr so einfach wie beim Rauch-Haus gehen konnte. Sie überlegten sich daher den Trick mit der Drugstore-Besetzung, zumal die Polizei durch tägliche Kontrollgänge das Haus in der Wilhelmstraße überwachte. Mitte Februar wurde zur Tat geschritten: Zunächst blieben 10-20 Jugendliche über Nacht im Drugstore. Innerhalb eines Tages stieg die Zahl auf 80-100 an, vor allem Trebegänger. In den ersten 3 Tagen der 14tägigen Besetzungszeit stieg die Zahl auf insgesamt ca. 200 an. Die Versorgung kam zum Teil über Spenden herein, dazu startete man eine breite Öffentlichkeitsarbeit, in der die Situation der ca. 3000 Berliner Treber geschildert wurde...

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28) vgl. Kurzdokumentation "Wir vom Thomas Weisbecker-Haus" (72/73)

Forts. Anm . 27)
z.B. allgemeiner von 'Jugendlichen' oder 'Erwachsenen' oder von 'Wohnkollektiv' - , was aber nicht heißt, daß keine objektiven Unterschiede mehr bei den Jugendlichen oder den Erwachsenen in der Vereinsarbeit bestehen. Vergleiche dazu die zweite Dokumentation des SSK: "Aufbruch" von Lothar Gothe und Rainer Kippe.. von der Projektgruppe zur Selbsthilfe.., Vgl.Kiepenheuer75, S. 119
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29) vgl. Kurzdokumentation 72/73, a.a.0.,S.2

Für die Sozialbürokratie entstand ein starker Legitimationsdruck, da sie das sinnlos leerstehende Haus in der Öffentlichkeit nicht mehr vertreten konnte. Als nach einer Woche die Besitzer ein Ultimatum stellten, kam es am 2.3.73 schließlich doch noch zu einer "Nutzungsvereinbarung" zwischen der Senatsverwaltung und dem SSB, als formellem Vertreter des Jugendkollektivs. Die Jugendlichen nannten später das erkämpfte Haus "Thomas-Weisbecker-Haus", nach dem am selben Tag von der Polizei auf offener Straße (in Augsburg) erschossenen Jugendlichen Thomas Weisbecker - (Thomas Weisbecker war ähnlich wie Georg von Rauch als Sympathisant der Bader-Meinhof-Gruppe tatverdächtig)...
Während den Vertragsverhandlungen mußte erst - wie im Rauch-Haus - das kollektive Rede - und Verhandlungsrecht von den jugendlichen Besetzern gegenüber den Senatsvertretern durchgesetzt werden. Ein Delegationsprinzip wurde damals von den Jugendlichen ebenfalls strikt abgelehnt.
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VERTRAGSSTRUKTUR/VERTRAGSBEDINGUNGEN

Nach der Anerkennung der "Förderungswürdigkeit" durch die Senatsverwaltung hat das Bezirksamt Kreuzberg nichts mehr gegen einen Untermietsvertrag des BJC mit dem SSB einzuwenden.
Es entsteht eine etwas komplizierte Vertragsstruktur, die bei späteren Auseinandersetzungen von der Verwaltung gründlich ausgenützt wird.
Kreuzberg schiebt in dieser Vertragskonstruktion die Verwaltungsarbeit an den BJC und die Finanzierung an die Senatsverwaltung ab
(...)



veröffentlicht durch:
T ommy W eisbecker H aus
projektarchiv, ssb e.v.
mit hilfe von: chrysantemum

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