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zur übersicht: 40 jahre ssb - projektarchiv

ZwischenRäume
Herausgeber
Kooperatives Planen, Bauen und Leben e.V.
Im Rahmen der
internationalen Bauausstellung Berlin 1984/87
Kreuzberger Hefte VII
Dirk Nishen Verlag In Kreuzberg
ZwischenRäume – das ist der Versuch, neues Leben in alte Häuser zu bringen, zwischen den Mauern von Normierung und Verregelung einen Freiraum für Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens zu gestalten. Zwischen Mauer und Spree und Landwehrkanal hat sich in Berlin-Kreuzberg in den letzten Jahren eine vielfältige Kultur von Selbsthilfe- und Selbstorganisationsansätzen entwickelt, ohne die eine ausreichende soziale Versorgung und behutsame Stadterneuerung heute undenkbar ist. ZwischenRäume – das ist auch die Dokumentation von Selbsthilfeansätzen in der Stadterneuerung. Genossenschaftliche Eigentümer-, Mieter- und ehemalige Instandbesetzerprojekte berichten von ihren Problemen und Erfahrungen bei dem Versuch, >>ihr Haus<< über alle bürokratischen und politischen Behinderungen hinweg zu sichern und mit der großen Aufgabe der Hauserneuerung fertig zu werden. Die Beiträge zeigen auch, dass ein Überdenken der eigenen Ansätze und Hoffnungen dringend notwendig ist, will man nicht zum >>grauen Arbeitsmarkt<<, zum stillen Arbeitsbeschaffungsprogramm verkommen. ZwischenRäume – das ist die Auseinandersetzung mit den angrenzenden gesellschaftlichen Lebensbereichen: Selbsthilfe als Ausgangspunkt eines alternativen gesellschaftlichen Arbeitsbegriffs, alternativ insofern, als er nicht auf der puren Ausbeutung von Mensch und Natur beruht, sondern auf gebrauchswertorentiertem Bedarf der Bewohner eines Hauses und auf ökologischer Vernunft.
An diesem Buch haben über dreißig Menschen geschrieben. Von anderen kamen Fotos, Dokumente, Ideen, Vorschläge, in den Weg gelegte Steine… So kann dieses Buch nur eine mosaikartige und zeitgebundene Aufarbeitung eines Bereiches sein, der sich gerade zum augenblicklichen Zeitpunkt in einer Phase der Umformung-wohin?-befindet. Ein halbes Dutzend Menschen , die die Redaktionsgruppe für dieses Buch bildeten, hat versucht, idealistische Idealansprüche an Basisdemokratie und vom Verlag vorgeschriebenen Termindruck zusammenzubringen, Texte und Fotos allerorten zusammenzusuchen und einzutreiben, manchen ein schlechtes Gewissen zu machen, damit das ausgewählte Thema nun auch gedruckt vorliegen kann. Es sei noch gesagt, dass mit wenigen Ausnahmen, alle Autoren des Schreibens ungewohnt sind, was Authentizität bedeutet, jedoch manches Mal auch ein Seufzen hervorrufen mag. Die Zweispaltigkeit im Lay-out des Buches hat sich als sinnvoll während der Redaktionsarbeit herausgestellt. Während in der breiten Grundtextspalte der eigentliche Artikel enthalten ist, finden die Leser in der schmalen Randspalte Ergänzungen, Erweiterungen und Ausführungen zum Inhalt des jeweiligen Artikels. Vielen, die nicht mit dem Bau- und Architektenhandwerk oder mit den Kreuzberger Verhältnissen vertraut sind, mag manche Bezeichnung oder Abkürzung rätselhaft erscheinen – des Rätsels Lösung ist auf den Seiten 190-191 zu finden, wo verschiedene Begriffe erläutert sind. Zuschriften an die Autoren können an den Verlag gerichtet werden.

Die Zusammenarbeit mit dem Bauhandwerk
Die Vielfalt der Zusammenarbeit von Selbsthelfern mit Fachleuten wird besonders deutlich am Beispiel der eigentlichen Bautätigkeit in den Häusern. Denn wo der Laie oder Nicht-Handerker an die Grenzen seiner Kenntnisse oder Fertigkeiten stößt, tut qualifiziertes Handwerk not. Von >Alternativer Technik< bis >Zimmerei< bietet das Spektrum der Kreuzberger Bauarbeiter alles was zur fachgerechten Altbausanierung nötig ist. Den weitaus größten Teil dieser Firmen stellen die konventionellen Kleinbetriebe mit einem Meister und bis zu zwölf beschäftigten. Für sie bedeuten die Aufträge aus der Stadtsanierung ein gutes Stück Arbeitsplatz- und Existenzsicherung. Die bauliche Selbsthilfe freilich ist für sie nur eine kleiner Teil davon, - ein problematischer dazu, wie der folgende Artikel über Gespräche mit einigen Handwerkern deutlich macht. Anders, zuweilen aber nicht weniger problematisch, ist die netzartige Kooperation mit alternativen Handwerksbetrieben. Worum es dabei geht, erklären stellvertretend die Beiträge des Tischlereikollektives im SSB e.V. aus Kreuzberg (S.115) und des Sanitärbetriebes Lokus aus Neukölln (S.118). Absicht dieser Artikelfolge ist die Darstellung verschiedener Formen der Zusammenarbeit mit Fachhandwerkern. Deutlich machen soll sie feine, aber wichtige Unterschiede zwischen den klischeehaften Begriffen Vernetzung Kooperation und Arbeitsteilung. Vollständig oder repräsentativ will sie nicht sein.
Berufs-Bild-Störung im Verhältnis von Handwerkern zur Selbsthilfe
Man findet sie dort, wo die Stadt noch einander klebt, wo die Mischung aus #? und Arbeiten zum betriebsamen Innenleben der Hauserblöcke wird. Einige Handwerksfirmen, aufgesucht zur Befragung über ihre Arbeit in Selbsthilfeprojekten und über ihre Eindrücke dort. # erklären klug geknickte Pfeile auf blassen Schildern den umständlichen # ? von der Straße zu den Firmen im Hinterhof. Entweder wird man von mehreren Feuerschutztüren in laute Betriebsräume geschoben, oder es gilt, #? leuchtete, seltsam gestrig und zwecklos anmutende Ausstellungsräume zu #? #? queren. In den dahinterliegenden Büros Spuren zurückliegender Ver # ? Erneuerungsversuche. Mustertapeten sind von Arbeitsplänen verdeckt, Akten Kunstgewerbenippes, stolz und golden gerahmte Meisterbriefe und Familienfotos über Karteien und Ablagekästen. Der Kampf gegen übermächtigen #?erkram auch hier, es riecht nach Improvisation, man stöhnt, man hilft sich selbst. Einer nur erzählt, dass er die Lohnabrechnung seiner Firma jetzt schon #? Mietcomputer machen lässt. Nach langen und freundlichen Gesprächen reichen Handwerkskammer gerne einige Geschenke zum Abschied. Kalender mit Werbeaufdruck, Zollstöcke, #? dosen wechseln den Besitzer. Höflichkeitsfloskel bei der Kundenpflege #? versöhnliche Geste zwischen Welten? Wie kommen konventionelle Handwerksbetriebe mit Selbsthilfeprojekten zurecht? Schwierigkeiten beginnen auf der Ebene von Lebenskultur: Gesellen wunderten sich über Matratzenlager, Arbeitsbeginn in den Häusern erst nach müheseligen #? Weckversuchen, umherstreifende Meister auf der Suche nach Auftraggebern. Arbeit dort ist ohne Organisation, bei Gruppenentscheidungen fehlen kompetente Ansprechpartner, die Unordnung in den Wohnungen, und es fehlen überall Möbel und Teppiche bei denen. Ein türkischer Tischlergeselle sagt: >> Kein Führer, keine Ordnung. Ihr arbeiten nicht so gleichmäßig, fassen viel an, lassen viel liegen. Zu wenig tip-top. Soll zwar nicht hektisch sein, aber auch nicht so faul! << Ein anderer spricht von Faulenzern, die auf Kosten anderer Leute leben, von lehrlingsgefährdenden Stimmungen gar; und ist im Nachhinein erschreckt über die eigenen Worte. Auf der anderen Seite Erzählungen von abschlussreichen Gesprächen am Frühstückstisch, von unerwartetem Interpretationen an der Handwerksarbeit. Manchmal auch klingt ein wenig Respekt an, ...? der Ausdauer, mit der Projekte zu überleben verstehen.
Die üblichen Vorurteile werden hier nicht etwa zugunsten einer Gesinnung Freundschaft zur alternativen Häuserselbsthilfe verdrängt – selbst wenn Gutgesinntes manchmal zu hören ist: >> Na ja, ich meine, die sind an sich mit dieser Gesellschaft jetzt nicht einverstanden, so verstehe ich sie. Und die wollen jetzt was Neues auf die Beine stellen. Und die Älteren sagen natürlich, was ihr da macht, das ist schon mal Käse und können wir schon Voraus sehen, dass das nichts wird. Also, man sollte die dann auch mal versuchen lassen, bin ich der Meinung<<, sagt Tischlermeister N. aus Kreuzberg. Die bauliche Selbsthilfe ist in der Regel auf die Zusammenarbeit mit konventionellen Handwerks- und Baubetrieben nur angewiesen,
wenn handwerkliche Fähigkeiten, Erfahrungen und/oder fachspezifisch Kenntnisse der jeweiligen Selbsthelfer zur ordentlichen Durchführung von Baumaßnahmen nicht ausreichen.
wenn Kontrollinstitutionen die Arbeiten durch Endabnahme oder Konzeptionsvergabe an Fachleute überwachen, wie es etwa die Bauaufsicht oder Energieversorgungsunternehmen tun,
wenn aus Haftungsgründen ein Gewährleistungsinteresse gegenüber ausgeführter Arbeit besteht.
oder wenn informelle Kooperation mit Fachleuten, anderen Projekten oder beispielsweise Arbeitskollektiven nicht zustande kommt.

Im Zusammenhang mit dem handwerklichen Selbsthilfegedanken und dem knapp gehaltenen Finanzierung der Projekte ergeben sich hieraus Erwartungen an die Betriebe, die die Grenzen der Zusammenarbeit erreichen, wo Tischlermeister N. zum Ausdruck bringt: >> Ja, da gibt es verschiede Selbsthilfegruppen, auch verschiedene Größen. Manchmal war es wie auf einer ganz normalen Baustelle! Während neulich habe ich hier so ein Ding auf dem Tisch gekriegt, - das ist unmöglich, wirklich unmöglich! Da sind also fünf oder sechs Architekten allein oben auf dem Briefkopf, die vorher schon alles regeln wollen. Dann wollten sie, dass die in den Wohnungen auch noch was zu sagen haben was gemacht wird und wie es gemacht wird. Und dann sollten die Leute (Anmeisten die Selbsthelfer) von uns angeleitet werden, von uns übernommen und angestellt und bei uns versichert werden. Und wir sollten Garantie für deren Arbeit übernehmen. Da habe ich gesagt, das ist unmöglich, wirklich unmöglich, da kann ich ja gleich den Betrieb zumachen! << Die Firmen erwarten offensichtlich eine klare und unmissverständliche Auftragsbeschreibung, die sich in ihre jeweiligen Betriebsstrukturen und eingespielten Arbeitsweisen einordnen lässt. Kooperationswünsche der Gruppen, die sich auf Ausbildungsfragen, Garantieübernahme etc. erstrecken, konkurrieren eindeutig mit den Wirtschaftlichkeitsüberlegungen der Handwerker. Selbsthilfeleistungen sind oft nur dort möglich, wo sie als ganzer Leistungsposten an einem Auftrag heraus gerechnet werden können, wie beispielsweise das Stemmen von Schlitzen für Rohrleitungen oder die Schutzanstriche neu eingesetzter Fenster. Meist sind dies Vor- oder Nacharbeiten, die nicht in synchroner Zusammenarbeit mit den Fachleuten erfolgen, sondern in ihrer effektiven Teilung von Arbeitsschritten eher den Betrieben entgegen kommen. Die Vorstellung der Selbsthelfer, handwerkliche Fertigkeiten vor Ort von den Fachleuten zu erlernen, reibt sich zudem auch mal am Handwerks...? >>Nein, Selbsthilfe war dabei nicht möglich... irgendwie konnten meine Gesellen eben doch mit Stolz darauf verweisen, dass unser Gewerk etwas ist, was ebenso nicht so schnell nachzuvollziehen ist, << sagt Ofensetzermeister M. aus Kreuzberg, dessen Erstaunen über die unerwartete Verbundenheit der Gruppen zum Handwerklichen von selbsthelferischer Zahlungsmoral getrübt wird. >> Erstaunlich ist, dass diese Leute, die dort wohnen und die Selbsthilfe tätig sind, eben ganz begeistert von diesen Kachelöfen waren. Von diese Euphorie habe ich mich mitreißen lassen, und musste hinterher sehr enttäuscht feststellen, dass der anfängliche Jubelschrei, dass die Handwerker sich bereitfinden dort mitzumachen, leider im Nachhinein ein bisschen verwirk t wurde, weil man seinem versprochen Geld doch lange und geduldig hinterherrennen musste>>.

Jede Leistung hat ihren Preis, und sie unterliegt dessen Gesetzen; Arbeit, und besonders Handarbeit, hat ihren Gegenstand, und sie gewinnt daran ihren Sinn. Dazwischen liegen Widersprüche. Sie zur Argumentation unvereinbarer Standpunkte werden zu lassen, ist wenig empfehlenswert. Selbsthelfer und Bauhandwerker kommen nur dann in ihren unterschiedlichen Ansprüchen und Wirklichkeiten zusammen, wenn beide Gruppen Bereitschaft und Interesse haben, gemeinsam Berechnungs- und Kooperationsmodelle für die Häuserselbsthilfe zu entwerfen. Immerhin, -einzelne Handwerker signalisieren bereits ihr Interesse, Berührungsängste eingeschlossen.
Manfred Stankat
Verknüpftes Chaos – ein Kollektiv arbeitet mit Selbsthelfern
Unser Tischlerkollektiv besteht nun schon seit acht Jahren. Viele haben mitgemacht und sind wieder weg. Trotzdem sind von den momentan mitarbeitenden sechs Leuten (drei Männer und drei Frauen) immer noch vier seit den ersten Jahren dabeigeblieben. Wir haben uns gegenseitig das Tischlern beigebracht, das Miteinanderumgehen, das Kalkulieren und das Verhandeln. Wir haben keinen Meister, der uns etwas vorschreibt, sondern wir qualifizieren uns durch unsere Erfahrungen und durch unsere Fehler. Wir ziehen Bücher und Fachleute zu Rate, aber einen Schein gibt es nicht für das, was wir gelernt haben. Wir haben, soweit das möglich ist, die Arbeitsteilung abgeschafft. Jeder macht einen Auftrag von Anfang bis Ende, so dass er ein Qualifikationsfeld hat. Wir sind der Ansicht, dass wir dabei mehr gelernt haben, als in einer herkömmlichen Lehre. Es gibt bei uns keine feste Arbeitszeit, aber wir wollen versuchen gegen neun Uhr morgens anzufangen. Hauptsache ist, dass jeder die Arbeit schafft, die er sich vorgenommen hat und die notwendig ist, um einen abgesprochenen Termin einzuhalten. Wenn jemand die Woche über gebummelt hat, dann kommt er auch mal samstags in die Werkstatt, um das Versäumte aufzuholen. Wir haben eine Gruppenkasse, in die alles erarbeitete Geld gesteckt wird, aus der alle kollektiven und privaten Verbindlichkeiten (Miete, Telefon, Krankenkasse, Strom, Autos etc.) bezahlt werden und aus der sich jeder zum täglichen Verbrauch das nehmen kann, was er für notwendig erachtet. Wenn die Kasse leer ist, müssen alle kürzer treten und gleichzeitig durch Arbeit dafür sorgen, dass sie wieder gefüllt wird. Es gibt also keinen Monatslohn, aber wir sehen zu, dass nicht einzelne auf Kosten der anderen konsumieren. Auf dem Plenum werden alle für das Kollektiv wichtigen Entscheidungen getroffen: Hier besprechen wir die Verteilung der Aufträge, machen die Zeitplanungen, überlegen Reparaturen oder Anschaffungen, erörtern Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit oder Fehler von einzelnen, planen den Urlaub und bekämpfen Holzstaub. Das Plenum ist oft anstrengender als eine Holzlieferung!
Als wir uns entschlossen, in einem Arbeitskollektiv mitzuarbeiten, hatten wir ganz bestimmte Vorstellungen von dem, was sinnvolle und selbstverwaltete Arbeit bedeutet:
Wir möchten, dass das Ergebnis unserer Arbeit wirklich wirklich gebraucht wird, dass es lange hält und den Leuten nützlich ist.
Wir möchten während der Arbeit unseren eigenen Arbeitsrhythmus waren können, also keine Fließbandarbeit verrichten, keine Arbeitsteilung aufgenötigt und keine Autoritäten aufgetischt werden bekommen.
Wir wollen die Gleichberechtigung von Männern und Frauen bei unserer Arbeit erweitern.
Wir möchten mit unserem Gegenüber, also dem Auftraggeber, über die Art und die Einzelheiten des gewünschten Auftrages diskutieren und mit ihm zusammen eine brauchbare und doch sparsame Konstruktion finden.
Wir möchten mit unserem Kollektiv eine Politik unterstützen, die den gegeninstitutionellen Raum vergrößert. Das bedeutet auch, dass wir mit anderen Gruppen zusammenarbeiten, für die Ähnliches gilt.
Wir möchten auch Geld verdienen, wenn auch nicht so viel!
Es ist nicht leicht, Aufträge zu bekommen, die all diesen Kriterien gerecht werden. Auf einer normalen Baustelle werden z.B. die Frauen nicht anerkannt. Denn Frauen gehören nicht in diese Welt der Männer. Das kriegen sie grob, durch einen Klaps auf den Hintern oder abschätzige Bemerkungen, und fein, durch Nicht- Wahrnehmung ihrer Leistungen oder Vorschläge, zu spüren. Auch wird uns dort oft ein Arbeitsrhythmus aufgedrängt, den wir nicht wollen. Anderseits waren aber auch die Kleinaufträge unserer Anfangsphase nicht befriedigend, denn hier war das Verhältnis von notwendiger Vorbereitung (Fahrten, Ausmessen, Kalkulation, Besprechung) zur eigentlichen Arbeitsleistung und zur tatsächlichen Entlohnung zu ungünstig.
Selbsthilfegruppen stimmen in ihrer inneren Struktur recht gut mit uns überein. Wir finden es sinnvoll, mit ihnen zusammen zuarbeiten , denn so haben wir die Möglichkeit, mit unserer Arbeit eine bestimmt Form von Wohnen, von Instandhaltung billigen Wohnraum zu unterstützen. Und wir lernen andere interessante Projekte und Menschen kennen. Mit diesen >Auftraggebern< können wir reden und wir fühlen uns von ihnen akzeptiert; besonders was die Position von uns Frauen in diesem Bereich betrifft. Ein für unsere finanzielle Situation wichtiges Kriterium ist, dass die Aufträge der Selbsthilfeprojekte größer und zusammenhängender sind, als es früher mit den Kinderbettchen, Hochbetten, Regalen oder Türreparaturen der Fall war. Jetzt haben wir weniger Kleinkram und müssen uns auch nicht ständig um den nächsten Auftrag sorgen, sondern haben beispielsweise mit Türen oder Fenstern für ein ganzes Haus erst einmal für mehrere Monate ausgesorgt. Das hat auch allerdings den Nachteil, dass die Arbeit wesentlich weniger abwechslungsreich ist, weil die Fertigung von großen Stückzahlen leicht in Monotonie auszuarten droht. Allerdings haben sich einige von uns gerade durch die häufige Wiederholung von Arbeitsgängen ziemlich gut und schnell in neue Bereiche einarbeiten können. Dadurch haben sie mehr und schneller gelernt, als es mit der Herstellung von Einzelstücken früher möglich gewesen wäre.
Bei Selbsthilfeprojekten haben wir bis jetzt auch des öfteren die Möglichkeit, Teile unserer Qualifikation weiterzugeben, indem wir z.B. nicht nur über die sinnvollste oder natürlichste Art der Oberflächenbehandlung gemeinsam geredet haben, sondern wir auch den Bewohnern das Streichen, Lagern und Einbauen der Fenster erklärt haben. Dadurch bekommen die Bewohner selbst einen stärkeren Bezug zu den neuen Fenstern, so dass sie nicht nur einfach funktionale, gekaufte und dadurch tot wirkende Gegenstände sind. Unsere Arbeitssituation wird auch dadurch stark beeinflusst, dass wir nicht wie bei einer Baufirma als knallharte, unbeirrbare Handwerker/innen auftreten müssen, sondern auch ohne die typische Latzhosenkluft ernstgenommen werden. Wir Frauen sind dadurch nicht dem ständigen Druck ausgesetzt, unsere Fähigkeiten immer wieder beweisen zu müssen. So lässt es sich unverkrampfter arbeiten. Da die Zusammenarbeit leider nicht nur rosig ist, wie es bisher klingt, muss ich noch einige, für uns oft nervende Punkte beschreiben. Es ist schade, aber durch die knappen Geldmittel nicht zu umgehen, dass das Hauptkriterium für die Vergabe eines Auftrages der billige Preis und nicht die Qualität der Arbeit oder die Art der Herstellung ist. Auch wir müssen daher immer versuchen, Arbeit und Preis konkurrenzfähig miteinander zu verbinden.
Ein gravierender Punkt ist außerdem die Verknüpfung von Chaos, die mit der Kombination zweier Projekte verbunden ist: Zu Beginn des Auftrages stellen wir uns Zeitpläne auf, um die gegebenen, kurzfristigen Termine einhalten zu können. Irgendwann stellt sich heraus, dass diese Pläne gar nicht einzuhalten sind, weil an einigen Stellen die für uns notwendigen Vorarbeiten noch gar nicht fertig sind. So ist es schon oft passiert, dass es noch gar keine Fußböden gab in Räumen, wo wir ausmessen oder einbauen wollten. Bedingt durch diese, oft etwas wirren Zustände verschiebt sich dann die eine oder andere Abnahme des Bauabschnittes, einschließlich der Zahlung fest versprochener Gelder. Wir sitzen dann auf dem Trockenen und können sehen, wie wir in der Zwischenzeit an Geld kommen. Aus solchen Erfahrungen heraus sind wir vorsichtiger geworden mit Selbsthilfeprojekten. Heute sichern wir uns mehr ab als in der Vergangenheit; auch manchmal mehr, als es unseren eigenen Vorstellungen von Zusammenarbeit entspricht. Denn wir haben festgestellt, dass der Nervenverschleiß sehr hoch ist, wenn diese Projekte mit ihrer Eigendynamik laufend unsere internen Planungen über den Haufen werfen. Dennoch sehen wir, dass Projekte für uns immer noch die besten Partner sind, weil es hier am ehesten möglich ist, verändernd einzugreifen.
Tischlerkollektiv im SSB e.V.
Das Ganze: zack – zack
Der Kauf eines Miethauses, das wir seit 1979 fast ausschließlich selbst bewohnen, war der erste Schritt zur Verwirklichung unserer Lebensansprüche. Aber wir wollten nicht nur in diesem Haus zusammenleben, wohnen und arbeiten, sondern darüber hinaus für den persönlichen Unterhalt auch außerhalb des Hauses in einer Form zusammenarbeiten, die sich von normaler, unbefriedigender und fremdbestimmter Arbeit unterscheidet. Deshalb gründeten Kalle, Eddy und Rudi im Mai 1981 im Rahmen des Hauses eine Firma, die sich mit Gas-Wasser-Installation, Heizungsbau und Bauklempnerei beschäftigen sollte. Die Firma erhielt den bezeichnenden Namen >Lokus<. Aus privaten Krediten, ERP-Darlehen und Netzwerkzuschüssen kamen genügend Gelder zusammen, um eine Grundausrüstung zu finanzieren. Sie kauften Materialien, Werkzeuge, Maschinen, Autos und nahmen die ersten Aufträge an . Die Firma Lokus existierte... und expandierte. Zur Zeit arbeiten wir mit zwölf Leuten, fünft Frauen und sieben Männern, von denen fünf Mitglieder der Hausgemeinschaft Silbersteinstraße sind. Wir kommen aus den unterschiedlichsten Berufen, arbeiten aber trotzdem alle im Aufgabenbereich unserer Firma. Innerbetrieblich verstehen wir uns als Kollektiv. Das heißt, wir rechnen unsere Arbeitszeit nach geleisteten Stunden ab und zahlen uns unabhängig von der beruflichen Qualifikation den gleichen Stundenlohn aus. Einzige Ausnahme: Die Lehrlingsvergütung, die wir in Zukunft auch anders regeln wollen. Jede(r) Mitarbeiter(in) hat gleiches Mitsprache- und Stimmrecht in Bezug auf Personalprobleme und unternehmerische Entscheidungen. Unsere Auftraggeber sind ausschließlich private Hauseigentümer oder Hauseigentümergruppen. Zur Zeit arbeiten wir zu etwa 70 Prozent für Selbsthilfeprojekte. Der wesentliche Vorteil besteht darin, dass wir meistens ein persönliches Verhältnis zu unseren Auftraggebern haben. Dadurch mildert sich für uns der sehr harte Termin- und Arbeitsdruck, der sonst auf dem Bausektor herrscht. Ein Nachteil dieses Kundenkreises ist es, das säumige Schuldner uns immer wieder in lästige finanzielle Schwierigkeiten bringen. Außerdem kommt es im Bauorganisations- und Koordinationsbereich unserer Auftraggeber öfter zu Schwierigkeiten und Verzögerungen, woraus sich für uns unproduktive und nicht in Rechnung zu stellende Arbeitszeiten ergeben. Da es sich ferner bei unseren Auftraggebern ausschließlich um Baustellen in Altbauten handelt, ergibt sich eine, im Vergleich zu Aufträgen z. B. an Neubauten, unverhältnismäßig hohe Zahl an Änderungen und Beratungsstunden, die wir an die Kunden leisten, aber nur selten in Rechnung stellen können. Aus diesen Gründen geraten wir immer wieder in finanzielle Bedrängnis, die wir dann mit einbehaltenen Lohnzahlungen zu überbrücken versuchen. Der Anspruch der Selbsthilfeprojekte an die Firma Lokus ist in vielen Fällen sehr hoch. Es wird verlangt, dass wir eine umfassende Beratung mit allen dazugehörenden Alternativen durchführen, und dass wir außerdem eine fachlich perfekte Anweisung zur Selbsthilfe im Sanitär- und Heizungsbereich geben und schließlich noch die Garantie für die Qualität dieser Eigenarbeit übernehmen. Alles natürlich am besten für einen freundschaftlichen Händedruck! Weiterhin wird von uns verlangt, dass wir billiger sind als konventionelle Firmen, dass die Arbeit mit uns besser läuft, und dass wir qualitativ mehr drauf haben sollten. Und das ganze natürlich zack-zack! Das erfordert Organisation: Selbsthilfe mit einer entsprechend kompetenten Bauleitung eines Architekten oder Bauingenieurs würde in jedem Fall für die Effektivität unserer Arbeit mehr bringen. Denn er müsste als Fachmann für Bauleistungen die Selbsthelfer beraten, die Arbeiten koordinieren und den Fortgang des Bauablaufes überwachen. In der Regel ist es so, dass trotz anfänglicher Schwierigkeiten letztlich gute Sanitär- und Heizungsanlagen gebaut werden. Dies ist dann ein Ergebnis aus dem dauernden Kontakt zu den Leuten aus dem Selbsthilfeprojekt, also zu den späteren Nutzern dieser Anlagen. Hier ist vor allem erwähnenswert, dass beim Bau der Anlagen die Wünsche und Ansprüche berücksichtigt werden können. Wenn dieser Mehraufwand an Arbeit und Material von den Projekten auch bezahlt werden könnte, würde eine solche Arbeitsweise auch Spaß machen. Da aber die Preisvorgaben der BSM für Handwerkerarbeit in der Praxis von den Fachleuten kaum einzuhalten sind, fehlt den Projekten das Geld für gute und ausführliche Arbeit. Dieser Preisdruck der BSM muss dann von Selbsthelfern und Handwerkern in ihrer Zusammenarbeit ausgebadet werden.
Die Mitarbeiter der Firma Lokus
1.
Selbstdarstellung des Thomas-Weisbecker-Hauses (TWH)
Das TWH ist ein selbstverwaltetes Treberwohnkollektiv. Es ist als Alternative zu den herkömmlichen Erziehungsinstitutionen wie Heim und Familie gedacht. Es gibt hier keine Erzieher sondern Erziehung findet als Auseinandersetzung mit den Mitbewohnern bzw. mit der Gruppe statt. Das TWH hat sich zur Aufgabe gemacht:
jugendliche Treber aufzunehmen, ihnen bei der Legalisierung (polizeiliche Anmeldung, Beschaffung eines Ausweises, Kontaktaufnahme zum Jugend- oder Arbeitsamt) zu helfen, und damit für sie Voraussetzungen zu schaffen, aus denen heraus sie nicht mehr kriminell werden müssen;
den Jugendlichen in verbindlichen Lebenszusammenhänge aufzunehmen, in denen er Verhaltensweisen lernen kann, die ein partnerschaftliches Leben in der Gemeinschaft ermöglichen;
sich mit dem Jugendlichen um Ausbildungsperspektiven zu bemühen, wobei die gegenseitige Unterstützung eine entscheidende Rolle spielt.
Alle Entscheidungen, die das Haus bzw. das Kollektiv betreffen, werden von allen gemeinsam beschlossen und getragen. Durch das Mitwirken an der Selbstverwaltung des Hauses soll selbstverantwortliches Organisieren des eigenen Lebens gelernt werden.
Die Struktur des Jugendwohnkollektives ist aus den Notwendigkeiten und Gegebenheiten der Gruppe und der Räumlichkeiten gewachsen. Das über alles entscheidende Organ ist das Plenum, an dem alle Bewohner des Hauses teilnehmen. Darüber hinaus ist jeder eingebunden in eine feste Wohngruppe und in eine Essensgruppe. Damit die Probleme, die anfallen, nicht an wenigen Leuten hängenbleiben, sind Arbeitsgruppen entstanden (z.B. Öffentlichkeitgruppe, Finanzgruppe, Sozialarbeitergruppe etc.). Jeder Hausbewohner soll verbindlich in mindestens einer der Gruppen mitarbeiten. So kann jeder lernen, mit Verantwortung umzugehen und an der Selbstorganisation mitzuwirken. Durch die hohe Fluktuation und ständige Überbelebung des Hauses, aber auch weil die Bewohner aus verschiedenen Situationen heraus ins Haus eingezogen sind, aus verschiedenen sozialen Schichten stammen und unterschiedlich lange hier sind, ergeben sich immer wieder Konflikte zwischen unseren Ansprüchen und Vorstellungen und der tatsächlichen Situation des Hauses. Dies liegt in der Natur der Sache, denn das Haus soll für keinen eine Endlösung sein. Vielmehr soll es die Auseinandersetzung untereinander fördern und als Ausgangspunkt für andere Wohnformen dienen. Die Sozialarbeiterin des TWH ist gleichzeitig Bewohnerin des Hauses. Ihre Aufgabe ist die Unterstützung der Selbstorganisation und die Koordination zwischen den Behörden und dem Haus.

Aufnahmekriterien sind:
die erkennbare Bereitschaft, an der Selbstorganisation des Hauses mitzuwirken,
die Bereitschaft, sich um die Bestreitung des Lebensunterhaltes durch Schule, Ausbildung, Arbeit oder Arbeitskollektives, zu bemühen,
keine Drogenabhängigkeit. Jeder Neuankömmling, der einen Aufnahmeantrag stellt bekommt eine Probezeit. Bei einer Bewohnerzahl von höchstens vierzig Menschen wird niemand mehr aufgenommen. Die vom Aufnahmestop Betroffenen werden bei der Suche nach anderen Möglichkeiten unterstützt.

>>Chaos is‘ auch `ne Ordnung<<
Architekt in der Selbsthilfe

Heute bin ich im acht Uhr im Tommy Haus, die Gerüstbauer wollen auf dem Hof das Gerüst umsetzen. Es ist lausig kalt in Mikes und meinem Büro. Der Ölofen ist leer, und ich muss erstmal aus dem Tank in der ersten Etage Öl holen. Alfred arbeitet schon. Er repariert in unserer sogenannten Haustischlerei die arg zerstörten Zimmertüren. Ich bespreche mit ihm, wie er vielleicht die in der Mitte durchgesägten, riesigen Flügeltüren einiger Zimmer wieder zusammensetzen kann. Durchgesägt deswegen, weil sie den in den Zimmern eingebauten Hochbetten im Wege waren. Der Tischler wollte 1000,- Mark für die Reparatur einer Doppeltür, doch 600,- haben wir einschließlich Streichen dafür nur zur Verfügung. Wir müssen uns also etwas einfallen lassen, wie wir es einfacher und billiger machen können. Auf dem Weg zum Öltank kommen mir Bernd und Curt entgegen. Es ist heute so kalt, dass sie im ehemaligen Lichtschacht nicht weiterputzen können, trotz Frostschutzzusatz. Ich vertröste sie, um mir auf dem Weg zum Öltank und wieder runter ins Büro einfallen zulassen, wo sie jetzt sinnvoll arbeiten können. Während ich noch versuche, den Ölofen in Betrieb zu setzen, kommen Dora und Elli. Sind sie damit beschäftigt, die Türen in der vierten Etage abzubrennen, zu schleifen und zu streichen; sie werden heute fertig und können dann morgen in der zweiten Etage die gleichen Arbeiten fortsetzen. Mike kommt. Fritz stürzt zur Tür herein und beschwert sich lautstark, dass die Putzarbeiten in seinem Zimmer ganz mies ausgeführt worden werden. Wir als Architekten wären dafür verantwortlich, dass alles superexakt und sauber zu sein hätte. Mir stinkt die Anwichserei, von anderen immer alles, die beste und sauberste Arbeit zu verlangen, aber es mit der eigenen nicht so genau zu nehmen oder selbst nichts auf die Reihe zu bekommen. Nach einem heftigen, kurzen Wortwechsel werfe ich Fritz aus dem Büro.
Die Gerüstbauer sind immer noch nicht da. Günter wartet, er soll die Löcher der Gerüsttanker verputzen, wenn das Gerüst aufgebaut wird. Ich rufe bei der Firma an: >>Ja, sie kommen noch<<, aber wann ist unklar. Hilde sucht Farbe, im Materialraum ist keine mehr. >> Guck mal in der dritten Etage, die horten immer alles! <<
Mike schlägt Günter eine andere Arbeit vor, wer weiß, wann die Gerüstbauer kommen.
Anruf von Bernhard vom Sozialpädagogischen Institut: Die Bank hat das SPI mit Zinsen belastet für einen Zwischenkredit, den wir über das SPI bei der Bank erhalten haben. Das SPI will diese Zinsen vom Tommy-Haus wieder haben. Nach den beiden ersten Abnahmen der Bauleistungen mussten wir erst acht Wochen, dann sechs Wochen warten, bis sich der Senat bequemte das nächste Geld anzuweisen. Um die 35 Leute im Haus nicht arbeitslos zu machen und den Bau nicht stillzulegen, haben wir den Zwischenkredit für das Tommy-Haus beantragt. Meinen Einwand, dass das doch ganz richtig wäre, wenn das SPI die Zinsen übernehmen würde, weil die Jugendlichen ja nicht für die Unbeweglichkeit des Senats bestraft werden könnten, will das SPI freundlich, süß-säuerlich nicht akzeptieren. Ich fände es eigentlich ganz o.k., wenn das SPI derartige Leistungen übernehmen würde.

Mit dem SPI haben wir so unsere Schwierigkeiten. Wir fühlen uns als Ungeliebte außerhalb der Reichweite ihrer Fittiche. Im Gegensatz zu den anderen vom SPI betreuten Gruppen hat das Tommy-Haus eine überdurchschnittliche Förderung.

Die beiden Wohnungen pro Etage sollten hinter dem Treppenhaus vorbei verbunden werden, dafür müssen neue Decken in den Fahrstuhlschacht eingebaut, die den Schacht begrenzenden Wände entfernt und die Fahrstuhltüröffnungen zum Treppenhaus geschlossen werden. Bernd und Curt wollen die Arbeiten machen und suchen sich erst einmal das erforderliche Handwerkszeug zusammen: Böcke, Gerüstbretter, Kangohammer, Fäustel, Meißel und Maurerhammer. Das Werkzeug- und Materialsuchen ist, wie in den meisten Selbsthilfegruppen, auch bei uns eine der nervigsten Tätigkeiten. Sie dauert oft Stunden. Meistens sind wir die Anlaufstelle, wo mindestens einmal gesucht wird, ob Hammer, Pinsel, Farbe, Kuhfuß, Bohr- oder Schleifmaschine, Tacker, Eimer, Handschuhe oder gar der Arbeitskollege. Totz der Einrichtung eines Materialraumes ist das Material im ganzen Haus, in sieben Etagen, verteilt, so dass sich in dem Raum das wenigste Material befindet. Die Einführung eines Material – und Werkzeugwartes ist ebenfalls nach wenigen Wochen gescheitert, da der Arme von morgens sieben bis abends zehn ununterbrochen gefordert war und den Frust der Suchenden aushalten musste. Er gab seinen Job auf und keiner war bereit, diese Arbeit, bezahlt wie alle anderen, zu übernehmen. So bleiben Mike und ich weiterhin auch für diesen Bereich die Verantwortlichen. Mike bestellt Träger und Betondielen für den Fahrstuhlschacht. Irene und Karin verkünden, dass keine Lackfarbe und kein Terpentin mehr da sind. Ich werde morgen früh auf dem Weg ins Haus bei der Farbengroßhandlung vorbeifahren, um das fehlende Material zu holen. Mike fährt mal schnell, um Schrauben und Dübel zu holen. Inzwischen hat sich eine größere Anzahl von Leuten eingefunden, z. T. weil sie wissen wollen, was noch wo gemacht werden muss, ihre persönlichen Sorgen loswerden wollen um sich einfach aufzuwärmen und Tee zu trinken. Tee, den es heute mit Rum gibt. Das spricht sich natürlich schnelle im Haus herum, so dass noch mehr kommen. Dicke Rauchwolken stehen im Büro, und Mike stöhnt als überzeugender Nichtraucher. Zu einer effektiven Arbeit kommen wir nicht mehr. Wir sind die zentrale Anlaufstelle, auch wenn man sich nur mal unterhalten will. Ludger hat Mühe, sich ins Büro zu quetschen, so voll ist bei uns. Er sieht ganz bleich aus. Er hat sich mit dem Fäustel auf den Finger gehauen. Das Verbandszeug liegt bei uns, und der Finger wird bei uns verarztet. Es ist gottseidank halb so schlimm. Unsere ständigen Mahnungen als verantwortungsbewusste Bauleiter, bei der Arbeit Sicherheitsschuhe, Schutzhelm und Handschuhe zu tragen, werden meist nicht ernst genommen. Nennenswerte Unfälle gab es bisher jedoch nicht. Der LKW mit 40 Säcken Zement steht vor dem Haus. Wir gehen mit ein paar Leuten raus, um abzuladen. Wieder zurück, ist das Büro leer, und wir können uns mit Rechnungsprüfungen, einigen Telefonfanten und einigen Details im Dach des Seitenflügels beschäftigen. Ich rufe die Bauaufsicht an, um zu erfahren, ob endlich der Prüfungsingenieur beauftragt ist. Gestern ist der Auftrag erteilt worden.

II.
Ausgangssituation

Das Haus ist von seiner Konzeption her nicht geeignet, optimal von Wohngruppen genutzt zu werden. So ist die Ausstattung z. B. der sanitären Einrichtungen unpraktisch und veraltet. Raum, der benutzt werden könnte, wird durch lange Flure verschenkt, die kalt, dunkel und ungemütlich wirken und dazu verführen, sie verkommen zu lassen. Das Haus bietet anderseits vom Grundriss her die Möglichkeit, durch Umbauten praktisch zu nutzende, Fläche und zu pflegende Wohneinheiten für Jugendliche herstellen. Einige Räume im Erdgeschoß und im Keller sind für Werkstätten sehr gut geeignet. Im Erdgeschoß sind außerdem gut dimensionierte Räumlichkeiten, die sich für Öffentlichkeitsarbeit, Nachbarschaftstreffen, Schülergruppen, Feste, Theater anbieten. Bisher sind die Ausbesserungsarbeiten am Haus ein Stückwerk gewesen. Nun bietet sich die Möglichkeit im Zusammenhang mit der IBA, die stadtplanerischen Veränderungen des Haues anzugehen.

III.
Ziele der Renovierung

Das TWH erlitt im 2. Weltkrieg schwere Beschädigungen, sodass die oberen Stockwerke vom Vermieter für unbewohnbar erklärt wurden. Es wäre wünschenswert, dass man diese Etagen auch benutzen kann, damit mehr Wohngruppen entstehen können und der Neuankömmling sich zwischen mehr ... ? dafür kleineren Gruppen entscheiden kann. ...? Instandsetzung der bewohnten Teile des Hauses sind notwendig, da die Räume durch die Jugendlichen stark beansprucht werden. Die Nutzung von Ölöfen, Waschmaschinen etc. setzt ein technisches Verständnis voraus das bei den meisten Jugendlichen zunächst nicht da ist. Es kommt darauf an, räumliche Bedingungen und technische Einrichtungen zu schaffen, die einfach und klar zu durchschauen und zu benutzen sind. Damit wird nicht nur erreicht, dass die Jugendliche selbstständig brauchbare Erfahrungen machen können, sondern es werden auch Reparaturkosten gesenkt. Einige Trebegänger die ins TWH kommen verhalten sich genauso wie im Heim, d. h. sie lassen unter anderem ihre Aggressionen an Einrichtungsgegenständen, Türen und Fenstern ab. Das viele Gründe, u. a. aber auch den mangelnden Bezug zu den räumlichen Gegebenheiten. Um dem entgegen zu wirken, ist es notwendig, dass alle Jugendliche bei den Instandsetzungsmaßnahmen mitmachen. Sie können dabei außerdem lernen, wie man etwas am besten repariert, und ihr Wissen weitergeben an die die später einziehen. Dies ist ein wichtiger Schritt zu der angestrebten Selbsthilfe.
Im TWH wohnen immer Stabilisierte und N...? zusammen. Diejenigen, die schon besser in der Lage sind, an die berufliche Zukunft zu denken, findet wegen der Jugendarbeitslosigkeit und der Voreingenommenheit gegenüber >>Weisbeckerhäuslern<< dem >>freien Markt<< oft keine Arbeits- oder Ausbildungsstelle. Zur Zeit haben etwa acht Jugendliche Interesse an dieser Arbeit. Ihnen soll die Möglichkeit gegeben werden, im Zuge dieser Instandsetzungsarbeiten eine abgeschlossene handwerkliche Lehre zu machen. Es ist uns allerdings nicht möglich, jetzt schon zu sagen, wie viele Jugendliche in zwei Jahren eine qualifizierte Ausbildung vorhaben. Wir möchten deshalb diesen letzten Punkt unabhängig von beiden davor genannten ansehen, d. h. wenn keine anerkannte Ausbildung zustande kommt, soll das die Instandsetzung unter Miteinbeziehung aller Hausbewohner stattfinden können.
Welche Kriterien können wir für uns bei einer Entscheidung zwischen/mit Architekten wichtig sein?

Ich versuche, einige aufzuschreiben:

Architekt
sollte handwerkliche Erfahrung haben
sollte Wunsch haben, mit den Leuten direkt was zu machen
sollte möglichst oft im Haus sein
sollte Einblick in Gruppen haben
sollte Erfahrung mit Gruppen haben
sollte Überblick der Hausproblematik haben
sollte flexibel sein: persönlich/TWH-Problem
sollte idealistischen Standpunkt haben
sollte persönliches Verhältnis zur Instandsetzung haben
sollte auch mal konkret zupacken können, wenn's mal nicht so geht wie's soll
sollte als Teil eines Gruppenprozesses (Instandsetzung) sich einbringen – wie du und ich
sollte informativ in Berlin eingearbeitet sein
sollte auch öfter mit in ins >>King Charley<< kommen
sollte >Vorbild<<, aber nicht Anleiter sein
sollte bei den Pfadfindern gewesen sein
sollte Frustrationstoleranz haben
sollte in erster Linie Mensch sein

Mir fällt nichts mehr ein! ogottogott

Wichtig ist: TWH ist ein betreuungsintensives Projekt
Unsicherheiten, die auftreten seitens der Architekten/ und mit den Hausbewohnern sollten durch gemeinsame Zusammenarbeit ausgeräumt werden. TWH ist größtenteils Treberhaus, die Leute haben größtenteils keine praktische Erfahrung mit Werkzeug, bestimmten Arbeiten, Instandsetzung, Frustbewältigung, Gruppenprozessen handwerklicher Art in längeren Zeiträumen
Die Moral muss bis zur Instandsetzung aufgewertet werden, da momentan Nihilismus vorherrscht.
Modell vom TWH ist erforderlich, im alten/neuen Zustand, um Umfang der Instandsetzung erfassen zu können!
Außerdem: Papier über Instandsetzung im allgemeinen!
Was sind die Voraussetzungen einer Instandsetzung, außerdem: Papier über Probleme im Haus, eventl. Probleme bei Instandsetzung im TWH

Das wär's erst Mal. Manne

9. November 1980

(Foto) oben: Grundriss von 1899. Geschlossene Bauweise mit Innenhof, im Vorderhaus großbürgerliches Wohnen mit Fahrstuhl und Herren-Salons, im Hinterhaus die Dienstbotenkammern.
Unten: Neuplanung achtzig Jahre später: Der Krieg hat den einen Seitenflügel und Teile des Hinterhauses zerstört, dadurch wird der Hof geöffnet. Die ehemals zwei Wohnungen werden über den Fahrstuhlschacht zu einer Großwohnung verbunden. Aus den Herren-Salons werden ganz normale Zimmer, aus dem Speisezimmer der Gemeinschaftsraum.
Die Bauaufsicht hat mit dem Tommy-Haus seit der Abrisskampagne der CDU Kreuzberg 1976 Frieden geschlossen. Wir können Probleme kollegial klären, was dem Projekt, der Bauaufsicht und uns Architekten zugute kommt.
Inzwischen ist es Mittag, und wir gehen mit Maria und Nora in die Kantine des Finanzamtes Kreuzberg essen, so dass wir einige Treberprobleme besprechen oder auch mal nicht nur über das Tommy-Haus und die Arbeitsprobleme quatschen können.
Hier treffe ich des öfteren meine alten Kollegen aus dem von mir mitgegründetem Büro Gruppe 67/Archplan. Ihr Interesse an meiner jetzigen Arbeit ist nicht sehr groß, obwohl Achim ebenfalls ein Selbsthilfeprojekt des SPI betreut. Da er wegen des Fehlens eines Modernisierungsvertrages für das Projekt bis heute für seine Arbeit keinen Pfenig Geld bekommen hat, muss er diese Arbeit als Hobby in seiner Freizeit ausüben.
Die meisten Architekten in den Selbsthilfegruppen benutzen dieses Engagement als Einstieg in den Beruf. Sicherlich eine gute Schule für den Berufsanfang, doch ob dies für Selbsthilfegruppen und deren minimale Mittel ausreicht, wage ich zu bezweifeln.
Angesichts der drohenden Arbeitslosigkeit nach Abschluss der Berufsausbildung haben junge Architekten die Selbsthilfeprojekte als Marktlücke entdeckt. Aus dem Traum des großen Selbsthilfebüros wird in der Realität für die jüngeren Kollegen die individuelle Betreuung einer Gruppe.
Neben der Liebe zum faszinierenden Altbau bedarf es auch der Erfahrung im Umgang mit der Altbausubstanz und des einfühlsamen Umgangs mit der zu betreuenden Gruppe. Der Berliner Altbau ist faszinierend wegen der vielen Veränderungsmöglichkeiten, der vielen Zwischenräume in der Nutzung, die dort noch möglich sind, und die der soziale Wohnungsbau nicht mehr zulässt.
Die alten Architektenkollegen aus dem BDA sehen mich als alternativen bzw. Barfußarchitekten, vergleichbar mit den Barfußärzten in den Entwicklungsländern.
Die sind neidisch, weil ich mich aus dem alltäglichen Bürotrott gelöst habe, sind aber selbst unfähig, sich zu verändern, haben Angst. Sie verharren in der starren Rolle des Architekt und ereifern sich über die neuesten Stilrichtungen von Bru...?- über Postmoderne- zu 50er-Jahre-Architektur. Ein gewisser sozialer Touch gegenüber Hausbesetzern und Selbsthilfegruppen gehört auch dazu. Dass man bei den Selbsthilfegruppen lernt, dass jeder sein eigener Architekt sein kann, kommt ihnen nicht in den Sinn, weil es ihre eigene Existenz, ihr Selbstverständnis zu Gefährden scheint.
Mit meinen vielen neuen >>Kollegen<< im Tommy-Haus arbeite ich gerne zusammen.

Wieder im Haus. Die Gerüstbauer sind nicht gekommen, es war ihnen offensichtlich zu kalt. Es hat angefangen, leicht zu schneien. Mike, Nora und ich gehen auf das Dach des Seitenflügels, das noch nicht ganz fertig ist, um wenigstens die kritischsten Punkte abzudichten, damit uns nicht die vierte Etage davon schwimmt. Olaf und Paul hatten keinen Bock, es zu machen. Bis zum Einbruch der Dunkelheit haben wir es geschafft und sind müde und durchgefroren
Mike muss seine jüngste Tochter vom Kinderladen abholen, und auch ich habe für heute die Schnauze voll und fahre nach Hause.
Auf dem Weg fällt mir eine, dass das Baukonto des Tommy-Hauses schon arg zusammen geschrumpft ist. Die Abrechnung der Leistungen für die letzte Rate steht bevor. Für uns heißt das, Druck auf die Gruppe auszuüben, die angefangenen Arbeiten abzuschließen, damit sie abgerechnet werden können. Mike und mir bereitet das jedesmal Magenschmerzen. Drei Wochen rechnen wir wie die Bekloppten, um die letzte Rate zusammen zu bekommen, sind genervt von jedem, der ins Büro kommt, weil er uns zwangsläufig aus dem Konzept bringt. Wir verlieren den Kontakt zu den Leuten auf dem Bau, wo wir dringend gebraucht werden. Bei drei Raten im Jahr sind das theoretisch neun Wochen reine Bürokratie.

Dieses Flugblatt wurde am 11.2.76 in Berliner Arbeitsbezirken in die Hausbriefkästen verteilt, wie verlautet in einer Auflagenhöhe von 100.000.

Berliner CDU

Kann man in Kreuzberg leben,
ohne zu arbeiten, ohne Miete, Strom,
Gas, Müllabfuhr zu zahlen,
und trotzdem Geld zum Leben haben?

Einige können das – allerdings auf ihre Kosten. Sie, liebe Kreuzberger, arbeiten
und zahlen Steuern. Sie erwarten, dass der Staat dieses Geld vernünftig ausgibt.
Bei uns in Kreuzberg werden seit Jahren zwei sogenannte Wohnkollektive aus
Steuergeldern bezahlt: im ehemaligen Bethanien-Krankenhaus und in der
Wilhelmstr. 9. Dort leben sozial geschädigte Jugendliche. Der Senat glaubt, diesen Jugendlichen zu helfen, wenn er sie allein uns sich selbst überlässt. Er behauptet, diese Experimente seien erfolgreich gewesen.
Wir stellen fest
Der Senat irrt. In Wahrheit wurden diese Jugendliche von linken Agitoren (sogenannten Beratern) weiter in die Isolation getrieben. Statt sie auf ein eigenverantworliches Leben vorzubereiten, werden sie zum Hass auf unsere Gesellschaft erzogen. Äußere Zeichen dafür sind rote Fahnen auf den Dächern, und der Senat sah tatenlos zu, als sie die Häuser nach Angehörigen der Baader-Meinhof-Bande benannten. SPD und FDP stört das alles nicht.
Die CDU Kreuzberg war von Anfang an gegen diese Projekte, weil Kreuzberg sowieso schon Probleme genug hat, unser Bezirk nicht zum Sammelpunkt aller Randgruppen aus Berlin hätte werden dürfen
Der Senat will, unterstützt von seinen Kreuzberger Genossen SPD und FDP, diese Experimente nun fortführen und Unsummen in die Häuser stecken.
Damit ist den Jugendlichen nicht zu helfen.
Wir fordern deshalb erneut, diese Wohnkollektive aufzulösen und die Jugendlichen in Einrichtungen unterzubringen, in denen sie von sozialpädagogisch geeigneten und verantwortlichen Fachkräften aus ihrer sozialen Randlage befreit und befähigt werden, ein eigenverantwortliches Leben in unserer Gesellschaft zu führen.
Linksradikale Kräfte dazu aufgerufen, gegen eine mögliche Schließung dieser Projekte beim Senat und Bezirksamt zu protestieren.
Die Kreuzberger CDU ruft alle Kreuzberger auf, ihre Meinung zu diesem Problem zu sagen
Bitte schreiben Sie uns.
CDU-Kreuzberg, Schenkendorfstraße 1, 1000 Berlin 61

IV.
Projektorganisation

Für die Durchführung der baulichen Maßnahmen
lassen sich aus den Zielen folgende Konsequenzen
ableiten:
-Die Jugendliche sind an der Planung und Durchführung zu beteiligen, so dass eine Instandhaltung des Hauses in Eigenverantwortung möglich wird. So ist z. B. Bei der Wahl und Installation von Heizmöglichhkeiten auch Aufklärung über energiesparende Einrichtungen und Verhaltensweisen nötig.
-Die Handwerker , die die Instandsetzungsarbeiten übernehmen, müssen in der Lage sein (zeitlich, persönlich), den Jugendlichen Hilfestellungen und Tips zu geben. Sie dürfen nicht mit der normalen Arbeitshaltung (unpersönlich, unbeteiligt) diese Arbeit angehen, sondern sollten Verständnis für diese Situation von Trebern aufbringen können uns sich auf sie einlassen.
-Die Ausbildung soll fächerübergreifend sein, dass die Jugendlichen als erkannte Instandsetzer auch andere alte Häuser wieder bewohnbar machen können.
-Die im Verein SSB e. V. schon bestehenden Arbeiteskollektive müssen so weit wie möglich in die Planung und Durchführung miteinbezogen werden. Die Erfahrungen, die dort gesammelt worden sind, müssen ausgewertet und umgesetzt werden.
-Damit die Jugendlichen, die eine abgeschlossene Ausbildung vorhaben, diese auch vollständig absolvieren können, muss nach Fertigstellung des TWH eine Übernahme in andere Arbeits- und Ausbildungsstellen gewährleistet sein.
-Im TWH müssen Werkstätten eingegrichtet werden, die auch über die Zeit der Instandsetzungsarbeiten hinaus bestehen und von den Instandhaltern benutzt werden können.

Das Abrechnungsystem und die Ratenzahlungen sind idiotisch.Wir können immer nur die Materialien bestellen, die für diese Rate notwendig sind. Kaufen in kleine Mengen und dadurch teuer, also müssen die Selbsthelfer mehr arbeiten, was sie sowieso schon müssen, da die Arbeiten und die dafür angesetzten Preise auf dem untersten Niveau liegen.
Ich möchte mal einen heruntergewirtschafteten Berliner Altbau sehen, der von Firmen zu diesen Preisen instand gesetzt wird. Das wäre ein interessantes Demonstrationsmodell für die IBA-Ausstattung 1984 gewesen!
Manchmal fühlen wir uns ganz schön überfordert.
Wir haben einen Architektenvertrag, spielen aber so eine Art Firmenleitung einer Universalbaufirma mit 35 bis 40 Angestellten, die von Maurer-, Putz-, Installations-, Maler-, Dachdecker-, und was weiß ich was für Arbeiten reicht. Gleichzeitig geben wir noch den Polier zu den jeweiligen Gewerken einer Firma ab, einer Firma, bei der die Poliere noch mitarbeiten. Dazu kommt noch die Sozialarbeit und das Mädchen für alle.s
Das tolle daran ist, wir kommen nicht mehr zum Zeichnen. Details werden an Ort und Stelle geklärt. Oft geht auch was schief. Der, die Arbeit ausführt kriegt manchmal was nicht hin oder kommt auf andere Ideen und macht was anderes als das, was wir uns vorgestellt haben. Dann fangen wir an, uns damit zu beschäftigen, uns anzufreunden und finden meist, dass es auch geht.
Oft staunen wir, dass der Selbsthelfer der Architekt wird. In der handwerklichen Arbeit entwickelt sich eine Ästhetik und Perfektion, die wir selbst nicht mehr vertreten wollen. Das entlockt uns einerseits Bewunderung, anderseits sind wir entsetzt. Entsetzt sehen wir uns selbst , als wir noch in unserer eigenen Büros saßen und uns mit unseren Partnern über irgendwelche ästhetischen Grundsatzfragen idiotisch stritten. Doch gerade wegen unserer Abkehr von der ästhetischen Perfektion haben Mike und ich uns gefunden, um gemeinsam diese Arbeit im Tommy-Haus zu machen.

Mike ist tot.
Er hat sich mehr als ich in dieser, unserer Arbeit emotional engagiert und fühlte sich oft viel stärker betroffen als ich, wenn mal etwas nicht so lief, wie wir uns das vorgestellt hatten. Als ich ihm meinen Artikel zum Lesen gab, war er enttäuscht, dass von ihm so wenig darin vor kam. Aber ich kann nur meine persönlichen Eindrücke und Empfindungen darstellen. Wir waren uns einig, dass auch er diesen Artikel hätte schreiben können, wir also in unserer Rolle austauschbar sind.
Ich werde versuchen, unsere gemeinsame Arbeit, das Projekt, in seinem Sinne weiterzuführen.

Harald Schöning, Mai 1984



veröffentlicht durch:
T ommy W eisbecker H aus
projektarchiv, ssb e.v.
mit hilfe von: chrysantemum

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